Aufstehen für Freie fällt doch aus

Na klasse. Dann klingelt die Kasse ja bald: Der Deutsche Journalistenverband (DJV) und die Deutsche Journalisten-Union in Verdi (dju) haben alle Redakteure aufgerufen, am Freitag im Rahmen eine „Stand Up“-Aktion über die Vergütungssituation freier Journalisten  zu diskutieren. (Nebenbei: Entschuldigung für diesen Monstersatz…) Seit Februar gelten tarifvertraglich vereinbarte, sogenannte faire Vergütungsregeln, die angemessene Bezahlung sicherstellen sollen.

Darüber also sollen die Redakteure diskutieren. Das ist fein, das macht das Problem vielleicht bewusst. Wohl eher aber nicht, und wenn, dann wird es nichts bringen.

Denn es sind die Verlagsleitungen und durchaus auch Chefredakteure, die nicht willens sind, ein entsprechendes Honorar für hauptberuflich freie Journalisten auf die Abrechnung zu heben. Die einzelnen Redakteure haben überhaupt keinen Einfluss auf die Entlohnungen. Außerdem sind sie selbst gerade einmal wieder in Tarifauseinandersetzungen, bei denen die Verleger kräftig zuschlagen wollen – freilich in die andere Richtung. Und da sich jeder selbst der Nächste ist, stehen die Freien einmal mehr hinten an.

Hinzu kommt noch ein ganz anderes Problem. Nämlich die vielen Nebenbeischreiber, die die Redaktionen stürmen und für ihre publizistischen Gedanken auch unwürdige Honorare in Kauf nehmen – wichtiger ist es, den Namen in der Zeitung zu lesen. Diese oft als Lehrer tätigen Nebenjobber zerstören jedes Preisgefüge und sorgen so dafür, dass es eine Auseinandersetzung um eine angemessene Bezahlung erst nötig wird. Denn die Etatplaner freuen sich darüber, kostet doch eine Zeile da dann nur noch zum Beispiel 0,30 Euro statt 0,63 Euro. Das rechnet sich – nur nicht für die Freien. 63 Euro für 100 Zeilen? Auf die Jagd danach geht nicht mehr jeder. Qualität ist dabei noch eine ganz andere Frage. Deshalb wollen die :freischreiber sogar mindestens einen Euro pro Zeile, was in der Tat angemessen wäre.

Ein Beispiel ist hier zu finden:

Ein anderes Gespräch in dieser Woche: Es geht um jemanden, der als Freier über die Runden kommen will/muss. Und um ein Angebot aus einem ebenfalls nicht ganz kleinen Zeitungshaus. Ein Job auf Basis von Tagessätzen. Der Satz soll sich auf 120 Euro belaufen, natürlich noch vor Steuern. 15 Euro also will das Haus pro Stunde bezahlen, wenn man ordentlich von acht Stunden am Tag ausgeht. Weil das aber nicht zwingend der Fall sein muss, kann sich der Stundensatz also noch nach unten reduzieren. Im ersten Moment unseres Gesprächs kommt mir dieser Tagessatz bizarr niedrig vor, danach rechne ich nach: Geht man von 20 Arbeitstagen im Monat aus, wären das 2400 Euro im Monat, schon also etwas mehr als jene gut 2000 Euro, die nach den letzten Statistiken als Durchschnittsverdienst eines freien Journalisten in Deutschland errechnet worden sind. Krank sein oder mal Urlaub machen darf jemand, der so bezahlt wird, allerdings nicht.

Denn selbst bei den Vergütungsregeln, in meiner Region von so gut wie allen ignoriert keinem befolgt, ist eines so gut wie unmöglich: Eine grundlegende, ausführliche Recherche. Die kostet Zeit – Zeit, in der keine Einnahmen generiert werden. Das kann man sich nur leisten, wenn man Corporate-Publishing-Aufträge hat oder sogar PR betreibt. Das sichert das Einkommen, der Journalismus verkommt aber zum Hobby.

Das ist schade. Und für die Branche schädlich und in gewissen Maße sogar verächtlich. Nur aufstehen wird dafür wohl niemand, der einen Gehaltstarifvertrag mit nettem, regelmäßig steigendem Salär hat.

Und berichten auch nicht.

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