Von Alkohol, Zigaretten und dem billigen Vorurteileffekt

Ich frage mich, wen ich mehr bemitleiden soll – die Empfänger von Hartz IV, weil sie in der Regel Spielball der Politik und auch der Medien sind. Oder aber die Journalisten-Kollegen, die schon wieder einfach so auf die Sprechblasen der Politik reinfallen und Klischees transportieren.

Aktuelles Beispiel ist die Debatte um die Reform des Arbeitslosengeldes II, vulgo Hartz IV und von Ursula von der Leyen gerne auch als Basisgeld betitelt, wiel das ja viel schöner ist. Im Moment reiben sie sich alle daran, dass in der geltenden Berechnung 12 Euro für Zigaretten und 7,52 Euro für Alkohol im Monat vorgesehen sind. Das soll gestrichen werden, dafür 16 Euro für Internet und weiteres Geld für Bildung vorgesehen werden. Genüsslich rechnen die Fernsehsender dieses vor. CSU-Chef Horst Seehofer verkauft das gar als Verbesserung und Erfolg.

Ober aber: Er schnackt dumm rum. Denn es ist ziemlich egal, was bei der vom Verfassungsgericht verordneten Neuberechnung nun wirklich in den rein virtuellen Hartz-IV-Einkaufskorb gelangt.

Denn es ist eh nur eine Berechnung. Am Ende steht eine Zahl, mehr nicht.

Es sei denn, die Ministerialen schreiben sich jetzt auch noch ins Gesetz hinein, dass künftig auch Quittungen vorgelegt werden müssen. Denn nur so kann man überwachen, ob die staatliche Unterstützung auch wirklich nur für den angegebenen Zweck verwendet wird.

Den Berichterstattern scheint das freilich gleich zu sein. Hauptsache man kann auf die Berechnung und vor allem die Empfänger draufhauen. Die sogenannten Nachrichten von Kabel1, ProSieben und Sat.1 zeigten heute jedenfalls einen identischen Beitrag, in dem natürlich immer auch Vox-Pop angesagt war. Was sagen denn die Deutschen dazu, dass künftig kein Alkohol mehr bezahlt werden soll? Das ist natürlich gut, sagen die. Die sollten sich einfach Arbeit suchen. Und überhaupt.

Das schürt doch hervorragend die bestehenden Vorurteile, dass Hartz-IV-ler sowieso nur den ganzen Tag rauchen, nichts tun und sich mit Alkohol volllaufen lassen. Jedenfalls unterstützen solch undifferenzierten Berichte und Umfragen dieses Bild von den Betroffenen.

Kein Wort verlor der Autor der Beiträge des Beitrags allerdings darüber, dass es eben sowieso nur eine Rechengrundlage ist. Am Ende werden nämlich mehr Euro in die Portemonnaies fallen.

Was damit gemacht wird, entscheiden die Empfänger. Und ich wette, dass die meisten von ihnen das nicht für Zigaretten und Alkohol ausgeben. Sowenig sie da bisher getan haben.

Das ist für den stumpfen Effekt und die plumpe Aufregung aber natürlich egal.


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