Die mediale Angst vor Google Live View

Eigentlich wollte ich mich ja nicht zur Google-Street-View-Debatte äußern, die in Deutschland gerade läuft. Vor allem, weil ich sie nicht verstehe. Was ist daran so schlimm, das jemand ein Haus fotografiert und auch ins Netz stellt? Das machen inzwischen Tausende täglich auf privaten Seiten genauso wie bei Flickr und Co.

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Live-Bilder sind ein Momentausschnitt, mehr nicht. Hier ist der Apple-Flagship-Store an der 5th Avenue in New York zu sehen.

Allerdings kann ich heute doch nicht an mich halten. Warum? Bildblog.de hat mal die schwachsinnigsten Gründe zusammengetragen, die im Moment gegen das Projekt vorgebracht werden. Um es an dieser Stelle schon zu sagen: Man muss bei Google uns seiner Datensucht sicher aufpassen. Aber nicht mehr als mit allen anderen Internetdiensten auch – und die immer wieder hochkochenden Pläne der Politik, das Netz und seine Nutzer zu überwachen sind auch nicht viel besser.

Um die beim Bildblog genannten Gründe zusammenzufassen: Die Leute haben Angst, beobachtet zu werden, ständig und rund um die Uhr.

Und fallen dabei anscheinend auf ein grundlegendes Missverständnis hinein, an dessen Ursache unser aller Medien nicht unschuldig sind – erklären sie Street View dann doch anscheinend immer wieder falsch und unzulänglich. Ein Beispiel ist die 3D-Ansicht der Welt. Das ist Unsinn.

Hier einige der Passagen aus Bild, dokumentiert nach Bildblog.de:

Juliane Winterberg (19), Sozialfachangestellte aus Gerstungen: „Ich sonne mich oft im Bikini auf der Terrasse. Durch Google finden Spanner doch sofort mein Wohnhaus.“

Jeanette Biedermann (30), Sängerin: „Ich werde mein Haus schwärzen lassen. Ich glaube nicht, dass die Verantwortlichen von ‘Street View’ glücklich wären, dass man ihnen beim Nacktbaden im Garten zuschaut.“

Anni Brandt (78), Rentnerin aus Waltrop: „Es ist praktisch, ich konnte mir zum Beispiel das Haus eines Freundes in Amerika anschauen. Aber wenn mich Leute auf meinem Balkon sehen, finde ich das nicht gut.“

Mirja (34) und Sky du Mont (63): „Wir wollen unser Haus auf jeden Fall schwärzen lassen. ‘Street View’ fördert Kriminalität. Und wir möchten nicht, dass jemand unsere Kinder beim Spielen im Garten sieht.“

Marcus Schenkenberg (42), Topmodel: „Tolle Sache! Wenn ich unterwegs bin, kann ich mich überzeugen, ob meine Häuser in New York, Stockholm und L. A . noch stehen. Eins muss tabu sein – in die Fenster reinzufilmen!“

Hanebüchen war auch gestern eine Aussage im TV, bei der eine Blondine allen Ernstes sagte: „Das muss nicht sein. Google Earth reicht doch!“. Hallo?

Herrschaften, was glaubt ihr eigentlich, was da passiert? Dass Google ständig und live eure Häuser zeigt?

Nein, es ist ein Foto. Ein einziges. Das irgendwann mal gemacht worden ist, in Deutschland ist das freilich noch nicht so lange her. Keinesfalls ist es aber so, dass

  1. Gärten gezeigt werden, die doch meistens hinter den Häusern liegen
  2. Menschen und Autoschilder werden von sich aus unkenntlich gemacht. Vielleicht sieht man mal jemanden auf dem Balkon. Erkennen wird man ihn nicht.
  3. Die Nacktfotos, die so viele befürchten, kommen nicht von Street View. Sondern allerhöchstens auf den Satellitenbildern, die Google Maps und Google Earth zugrunde liegen.

Worin liegen denn nun die Datenschutzprobleme? Dass Werbung ins Haus flattern sollte, falls ein Maler meint, die Fassade braucht Farbe? Der Handwerker von Nebenan macht sich sicher nicht die Mühe und Kosten, die Eigentümer ausfindig zu machen. Und wenn, dann geht das in Mietshäusern an die Verwaltung. Einbrecher nutzen die Daten zum ausbalwodern? Vielleicht. Aber Profis nehmen eher in Augenschein. Und Amateure planen nicht.

Das Thema wird gehypt und ist eine Kampagne. Das Microsoft noch bessere Bilder plant und in Bing einen ganz ähnlichen Dienst anbietet, wird gar nicht erwähnt. Dass die Medien sehr gerne Earth-Bilder bei Geschichten nehmen (egal, ob von Google oder Microsoft) ist auch egal.

Diese Hysterie nervt. Bitte erklärt das Thema mal besser und sachlicher. Dann wird vielleicht auch mehr verstanden. Und wir brauchen solche Aussagen wie oben nicht mehr zu lesen.

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