Na Blogo

Das Jahrhundert des Hungers

17. Oktober 2009 · Kommentar schreiben

Eigentlich nerven diese Countdowns bis Weihnachten ja gewaltig, und nicht nur die im April, sondern auch die jetzt beginnenden. Vor einigen Tagen hatte Viva ein Special, noch 70 Tage bis zum Fest. Darin Klassiker der Pop-Weihnachtsmusik – und “Do they know it’s Christmas time”. Dieses wunderschöne Lied mit dem traurigen Anlass. Das Video hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht. Zum Beispiel darüber, warum nach 25 Jahren wirklich alle Zustände so sind wie zur Zeit der Entstehung des Songs.

Der Song ist ein Titel von “Band Aid” (Fanseite) – ein Projekt von Bob Geldorf als Quasi-Vorgänger der Live-Aid-Konzerte. 1984 nahm er mit britischen Superstars das Lied auf, es verkaufte sich Millionen Mal und ist heute ein Klassiker (auch wenn es dusselige und weniger dusselige Nachfolgeversuche gab, wie hier zu lesen ist).

„Band Aid 20″ hat dann heftig nachgelegt:

Auch in anderen Ländern gab es in der Zeit entsprechende Aktionen (z.B. “We are the World” von „USA for Africa“).

Allen gemein ist, dass sie 1984 unter dem Eindruck der Hungerkatastrophe in Äthiopien entstanden sind. Ich selbst war zehn Jahre alt, aber ich erinnere mich an die schrecklichen Bilder sterbender Kinder. Helfen konnte man kaum, und helfen kann man kaum.

„Band Aid“ hat keinen Hehl aus dem grausamen Sterben gemacht und schreckliche Bilder in das Video des Weihnachtslieds gepackt. Bilder, die aufrütteln sollten und aufwühlen. Was sie auch tun. Aber eben nur das – denn hat sich wirklich etwas geändert?

Die Ausgangskatastrophe ist vorbei, die Not aber immer noch präsent in der gesamten Welt. Umso erschreckender ist, dass die Vereinten Nationen und die Welthungerhilfe jetzt vor einem Hungerjahrhundert warnen.

Rund um den Globus stieg die Zahl der Hungernden 2009 auf 1,02 Milliarden Menschen, teilte die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) in Rom mit. Das sei der höchste Wert seit 1970. Noch im Jahr 2000 hatten die UN in ihren Millenniums-Zielen angestrebt, die Zahl der Hungernden bis 2015 zu halbieren.

Das Milleniumsziel der Uno ist damit vollkommen obsolet. Erschreckend sind vor allem die Zahlen auf den einzelnen Kontinenten:

Nach Angaben der Welthungerhilfe sind in Asien 642 Millionen Menschen betroffen, im südlichen Afrika 265 Millionen und in Lateinamerika 53 Millionen. Die FAO zählt noch 15 Millionen Betroffene in den Industrieländern dazu.

Eine Katastrophe.

Vor allem, weil wir hier – Meister des Jammerns auf extrem hohem Niveau – durchaus von diesen Ländern und Menschen profitieren. Hilfe wiederum gibt es, aber bei Weitem nicht genug. Bildung ist dabei ein großes Thema, Technologie und Hilfe zur Selbsthilfe. Die Menschen müssen sich selbst entwickeln können, gutsherrenartige Entwicklungshilfe ist wenig nützlich.

Doch reicht das wirklich?

Das Bundesentwicklungsministerium hat auf seiner Webseite auch das Thema Hunger und die deutschen Hilfen beschrieben. Das dort verlinkte Material ist aufschlussreich und erschreckend zugleich. Im Bundeshaushalt ist die Entwicklungshilfe nur ein minimaler Posten.

Lieber stecken wir Geld in Länder, mit denen unsere Unternehmen Geschäftsbeziehungen unterhalten. Nicht, dass das nicht wichtig ist – doch es sterben Menschen, weil sie verhungern. In Afrika, in Asien. Und nicht nur dort.

Berichtet wird in den Medien kaum darüber, höchstens zum Welternährungstag am 16. Oktober, wenn die FAO ihren Bericht vorlegen.

Vielleicht ist es deshalb wichtig, mal wieder ein Projekt wie “Band Aid” aufzulegen und einfach zu schocken. Zwölf Millionen Euro hat das übrigens eingebracht. Viel zu wenig.

Doch wenn auch nur wenige der Zuschauer zum Nachdenken gelangen, ist das schon ein erster kleiner Schritt.

Aber nicht nur zu Weihnachten. Dafür darf auch das ganze Jahr über durchaus mal genervt werden.

Kategorien: Gesellschaft · Politik
Mit Tag(s) versehen: , , ,

0 Antworten bis hierher ↓

  • Bis jetzt noch kein Kommentar ... Bring die Sache ins Rollen, und füll das untere Formular aus.

Kommentar schreiben